WAZ / Mai 2009

Vor ihm legen sich alle nieder
Morus Scholl legt bei etlichen Stars Hand an – rein dienstlich. Seit 20 Jahren ist er Physiotherapeut beim TV Wattenscheid

Morus Scholl hat alle Hände voll zu tun. Was wohl ziemlich jeder, vielleicht auch pathetisch, von seiner Arbeit behaupten würde, stimmt in diesem Fall wirklich. Die hände sind Morus Scholls wichtigstes Werkzeug. Der 47-jährige ist seit vielen Jahren Physiotherapeut in und um Bochum. Seit 20 Jahren ist er beim TV Wattenscheid, dem erfolgreichsten Leichtathletikverein Deutschlands, der Mann, dem die Sportler vertrauen. Somit legt er Hand an Athleten von Weltklasse – und darf damit naturgemäß auch an Stellen fassen, die sonst keiner sehen und schon gar nicht abtasten kann. Ja, er ist so etwas wie der Physiotherapeut der Stars. Er hält mit 40 Teilnahmen an Deutschen Meisterschaften draußen und in der Halle in Folge wohl den Vereinsrekord, wenn auch nur vom Rande der Bande aus. Sein Hand-Werk kommt an. Ein Traum? »Sicherlich. Ich treffe Leute, die in der Kindheit meine Idole waren«, sagt Morus Scholl. Rolf Rüssmann, Wolfgang Overath oder Ente Lippens – sie alle lagen vor ihm auf der Pritsche nach einem Benefizspiel in Lohrheide vor einigen Jahren. Bereit zum durchknetet werden. 10.000-Meter-Europameister Jan Fitschen vertraut ihm seinen trainierten Körper an, ebenso wie die Fahrer weltweiter Automobil-Rennserien es tun. Bei den traditionsreichen 24-Stunden von Les Mans massiert er einmal im jahr ein komplettes Wochenende am Stück. »Wenn die Fahrer schon geschafft sind, bin ich derjenige, der nach außen stark wirken muss. Auch nachts«, sagt Morus Scholl. Stark ist er und groß. Wenn er seine Arme ausbreitet, passt nahezu ein kompletter Wallach dazwischen. Diese Möglichkeit hat ein befreundeter Pferdebesitzer kürzlich erkannt und Morus Scholl auf eine Idee gebracht: »Physiotherapie kann auch bei Pferden einiges bewirken.« Seitdem bringt er er Massagen und Lymphdrainagen in den Stall. Sein tierischer Trick: »Ich stelle mir das Pferd auf seinen Hinterbeinen stehend vor. Dann ist der Aufbau dem des menschlichen Körpers schon ähnlich.« Also alles Gute für die Stute.
Angefangen hatte Scholls Physio-Karriere Mitte der 80er Jahren bei den Fußballern der SG Wattenscheid 09. Die setzten damals in der zweiten Liga an zum Höhenflug. ‚89 dann der Wechsel zu den Leichtathleten, der eigentlich nur ein Ausflug werden sollte. Heraus kamen eine lange Reise, die bis heute dauert, und die Erkenntnis, dass dieser Wechsel Morus Scholl an Erfahrungen reich gemacht hat: »In der Leichtathletik hat man es mit komplexeren Bewegungsabläufen zu tun: Da liegen Läufer, Springer und Werfer vor mir, das geht über Fußballtypische Arbeit hinaus.«
In deinem Beruf spiel Erfahrung eine große Rolle, sagt Scholl. Inzwischen ist er freiberuflich unterwegs, mit Schwerpunkten beim TV Wattenscheid und mit festen Behandlungszeiten im Gesundheitszentrum Wattenscheid, wo er eng mit dem TV-Vereinsarzt Dr. Andreas Falarzik zusammenarbeitet. »Ich versuche auch Bindeglied zwischen Arzt und Patient zu sein.«
Als Physiotherapeut gerade im Sport, müsse man spontan sein, sagt Morus Scholl. Geht nicht, gibt’s nicht. Denn es könnte ja wieder an jenem Spätmittag vor einigen Jahren: Ein gewisser Herr Grönemeyer verspürte plötzlich Muskelprobleme kurz vor seinem Auftritt im Ruhrstadion. Der Physio war schnell zur Stelle und machte Herbie schön geschmeidig. Mit großen Tieren kennt er sich ja aus.

Hintergrund:
Nach einer Ausbildung zum Masseur und med. Bademeister hat Morus Scholl zunächst in der Essener Uni-Klinik gearbeitet. 1992 hat er dann seine Deutscher Olympischer Sportbund-Physiotherapie-Lizenz gemacht. Seit Mitte der 80er Jahre hat er regelmäßig mit Sportlern zu tun, kümmert sich aber auch um die Beschwerden anderer Patienten – und jetzt auch von Pferden. www.sportphysio-scholl.de